Unter dem Deckmantel eines „partnerschaftlichen Umgangs“ werden Kindern seit Anfang des Jahrtausends Struktur und Orientierung verweigert. Sie bleiben deshalb in ihrer Entwicklung auf dem Stand eines Kleinkinds stehen. Aus dessen Perspektive dreht sich die gesamte Welt um das Kind. Die Folgen: Kinder geraten außer Kontrolle, haben Schwierigkeiten, sich in neue Umgebungen wie etwa der Schule einzufügen und bringen Eltern sowie Lehrern keinen Respekt entgegen. Dieses Bild entwirft der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff, Autor des Bestsellers „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden. Oder: die Abschaffung der Kindheit“. Wir haben mit Dr. Winterhoff über Ursachen und Auswirkungen der Entwicklungsversäumnisse gesprochen – und darüber, wie Ausbilder darauf reagieren sollten.

u-form: Welche Beobachtungen haben Sie veranlasst, 2008 das Buch „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ zu veröffentlichen?

Dr. Winterhoff: Ich bin analytisch-tiefenpsychologisch ausgebildet. Psychische Störungen kann man bei Kindern nur durch genaue Beobachtungen diagnostizieren. Seit über 30 Jahren habe ich gleiche Abläufe, also Standardsituationen geschaffen. Bis Mitte der 90er waren Kinder auf dem altersentsprechenden Entwicklungsstand, also mit sechs Jahren schul- und mit 16 Jahren ausbildungsreif. Dann haben sich zunehmend die Kinder in ihrem Verhalten gravierend verändert. Dieses Verhalten entsprach dem von deutlich jüngeren Kindern.
Ein zum Beispiel altersgemäß entwickeltes Kind mit 20 Monaten würde registrieren, dass es sich bei mir in einer ihm fremden Umgebung aufhält. Wenn ich den Warteraum betrat, waren sie zurückgenommen und haben erst einmal abgewartet, wie die Eltern auf mich reagieren. Wenn ich heute in den Warteraum gehe, werde ich von den Kindern überhaupt nicht registriert oder sie geben genervte Kommentare ab à la „na endlich“.
Dahinter steht eine gravierende Änderung: Diese Kinder können sich nicht mehr auf mich einstellen, sondern sie zwingen mich, mich auf sie einzustellen, weil sie es aus Elternhaus und Schule nicht anders kennen. Sie lassen mich zum Beispiel warten. Heute gehen 60 Prozent der Kinder bewusst langsam in meinen Raum und bestimmen so das Tempo. Das Verhalten der meisten Kinder, die mir begegnen, entspricht dem Verhalten im Alter von 10 bis 16 Monaten, in denen ein kleines Kind noch nicht zwischen Mensch und Gegenstand unterscheiden und sich auf andere einstellen kann.

u-form: Wie viele Kinder sind davon tatsächlich betroffen oder gilt das gar für eine ganze Generation?

Dr. Winterhoff: Nach meiner Einschätzung befinden sich weit über 50 Prozent der älteren Kinder und der Jugendlichen heute auf einem nicht ihrem Alter entsprechenden Reifegrad.

u-form: Was machen Eltern, Lehrer und Erzieher falsch?

Dr. Winterhoff: Es liegt primär an den Eltern. Die sind zwar sehr engagiert, aber machen etwas grundsätzlich falsch. Das ist kein individuelles Versagen, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung: Wir wurden von der Digitalisierung überrollt. Unser Gehirn ist überfordert, wir müssen zu viele Entscheidungen auf einmal treffen und geraten in einen Zustand der Reizüberflutung. Viele fühlen sich überfordert, überfordern sich dabei aber selbst und reagieren nur noch auf die Kinder, anstatt zu agieren.
Die Erwachsenen rutschen in eine als „partnerschaftlich“ wahrgenommene Symbiose mit ihren Kindern und agieren mit ihnen vermeintlich auf „Augenhöhe“. Sie kompensieren mit dieser Nähe zum Kind unbewusst eigene Defizite und somit wird das Kind ein Teil der Eltern: diese Eltern fühlen und denken für ihr Kind und gehen für ihr Kind in die Schule. Die Kinder erleben vor diesem Hintergrund, dass sie die Erwachsenen steuern können und sie alles in der Hand haben – sich quasi die ganze Welt um sie dreht. Diese Perspektive ist in einem bestimmten Lebensalter völlig normal – bei sehr kleinen Kindern, nicht aber bei Fünf- oder Zehnjährigen.

u-form: Wie wirkt sich das auf diese Kinder aus?

Dr. Winterhoff: Im Kindergarten haben wir dann schon 80 bis 90 Prozent auffällige Kinder. Sie weisen z. T. große Defizite in Sprache, Motorik und Sozialverhalten auf. In der Grundschule leben diese Kinder lustorientiert, meiden Anforderungen, halten sich nicht an die Regeln und gehen in den Steuermodus. Kurzum: Sie drehen sich nur um sich, haben keine Empathie und erkennen Strukturen und Abläufe nicht mehr, wissen etwa nicht zwischen Pause und Unterricht zu unterscheiden und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Das setzt sich auf den weiterführenden Schulen fort …

u-form: Womit wir beim Thema „Berufsausbildung“ wären. Unternehmen bemängeln ja immer stärker die „fehlende Ausbildungsreife“ von Jugendlichen – nicht nur was Schulleistungen angeht, sondern auch in Haltung (Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit) und Verhalten. Haben wir es hier mit demselben Phänomen zu tun?

Dr. Winterhoff: Ja. Jungen Bewerbern fehlen heute nicht nur Fertigkeiten wie Rechnen und Lesen, sondern grundsätzliche altersgemäße Fähigkeiten und Verhaltensweisen, sie scheitern dann im Beruf. Ich wundere mich nicht darüber, dass Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen können.

u-form: Wie gehen Ausbilder denn mit der mangelnden Reife von Azubis um?

Dr. Winterhoff: Die Jugendlichen müssen quasi in den Betrieben „nachreifen“. Es geht dabei nicht um „Erziehung“ oder „Strenge“, sondern um Entwicklung, um das Erleben und Praktizieren von altersgemäßen Verhaltensmustern. Ausbilder müssen sich dazu zunächst darüber klar werden, dass hinter der Fassade des Jugendlichen, der keinen Bock hat, eigentlich ein Kleinkind steht, das erst mühsam lernen muss, sich wie ein Jugendlicher zu verhalten.
Behandle ich den Jugendlichen tatsächlich wie einen 16-Jährigen, überfordere ich ihn. Stattdessen müssen Ausbilder solche Jugendlichen wie Kinder an die Hand nehmen. Diese Jugendlichen brauchen viele Sequenzen mit direkter Ansprache, viel Begleiten und Anleiten. Wichtig wäre, dass der Ausbilder dazu besonders in den ersten drei Monaten solche Jugendliche in direktem Kontakt in Kleingruppen anleitet, ob im Bereich Umgangsformen, Abläufen im Betrieb oder auch konkret an der Werkbank. Hilfreich dabei ist die konkrete, direkte Ansprache: „Sascha, jetzt machst du das.“
Je mehr und kleinteiliger Ausbilder anleiten, desto schneller haben die Jugendlichen die Chance, sich zu entwickeln. Günstig wäre, wenn der Ausbilder anders reagiert als die Eltern in Symbiose, nämlich zeitverzögert und nicht reflexartig wie die Eltern. Auch das ist ein wichtiger Lernprozess.

u-form: Das klingt furchtbar anstrengend…

Dr. Winterhoff: Ist es nicht, wenn die Strukturen für eine solche persönliche Betreuung gegeben sind. In Handwerksbetrieben ist das nach meiner Erfahrung zum Beispiel wegen der persönlichen Nähe zwischen Azubis und Ausbildern der Fall. Jammern führt zudem zu nichts: Andere Bewerber wird es auf absehbare Zeit nicht geben, den Betrieben bleibt also nichts anderes übrig.

Dr. Michael Winterhoff (Jahrgang 1955) arbeitet in Bonn als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie und hat sich zudem als Autor einen Namen gemacht. Zuletzt hat er im Sommer 2017 das Buch „Die Wiederentdeckung der Kindheit: Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen“ veröffentlicht.